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August 13, 2005

Egozentrische Ereignishorizonte

Abgelegt unter: Gesellschaft — Daniel Schrader @ 21:07

Der Postmodernismus sowie das politische Manifest Empire postulieren eine Perspektive der Zukunft, die durch sich selbst organisierende Massen geprägt ist.

Man müsste sich mit dem Thema nicht weiter auseinandersetzen, denn zum einen kann diese Zukunft nicht erzwungen werden, und zum anderen sind die Inhalte und Themen die diese Gruppierungen anstreben werden noch im unklaren. Was auch im Dunklen bleibt, ist wie diese Gruppen zusammenfinden, und welche Hierarchien dort herrschen werden.

Doch wie könnten diese Gruppen denn wohl am wahrscheinlichsten zusammenfinden? Welche Hierarchien können wir in der Postmoderne bereits erkennen? Und welche Impulse kann uns dieses Wissen um die Funktionsweise der Gruppenbildung liefern? Kann man nicht bereits jetzt diese Fragen beantworten?

Untersuchung von Gruppenkommunikation
Große Teile der Kommunikation mit gesellschaftlichen Gruppen, wie zum Beispiel Arbeitskollegen, Freundeskreis und Verein, erfolgen in der Postmoderne auf elektronischem Weg. Elektronische Kommunikation findet auf vielfältige Art und Weise statt. Einige interessante und gängige Medien sind:

Diese Medien lassen sich in zwei grundsätzlich verschiedene Kategorien einteilen.

  1. Gruppeneigentümer
  2. Einzeleigentümer

Zu den Gruppeneigentümern gehören Organisationen und Vereine, aber auch kommerzielle Unternehmen, die Plattformen zur Kommunikation zur Verfügung stellen. Die Einzeleigentümer hingegen bedienen mengenmäßig den Hauptanteil der registrierten Medien. Dies liegt in der Rechtsstruktur des Internet begründet, da jede verwendete Kommunikationsadresse (IP oder Domain) mit einer juristischen Person belegt sein muss. Diese juristische Person ist direkt verantwortlich für die auf dem Medium verbreiteten Inhalte.

Das zeigt bereits, daß es immer eine Gruppe von Verantwortungsträgern, seien es Gruppeneigentümer oder Einzeleigentümer, und “Gästen” gibt. Die Verantwortungsträger sind auch gleichzeitig die ersten Initiatoren, und geben eine grobe inhaltliche Richtung einer Kommunikation vor. Bereits ein Domainname kann vorgeben, welche Informationen ein Leser zu erwarten hat.

Die verschiedenen Medien weisen unterschiedliche Arten der Kommunikation auf. So dienen E-Mails und Instant Messenger meist der schriftlichen Kommunikation zwischen zwei Teilnehmern. Chats können mehrere Teilnehmer haben, werden aber primär nicht permanent gespeichert und sind flüchtiger Art. Blogs dienen hauptsächlich der gerichteten Kommunikation zwischen einem Autor und vielen Lesern. Usenet-Gruppen werden von den zuständigen Stellen eingerichtet, und dienen als persistente Plattform für den Meinungaustausch von Experten eines Gebiets. Der Umgang damit ist jedoch gewöhnungsbedürftig, und nicht jedes Thema ist vertreten. Die Zahl der Nutzer ist zumindest in deutschsprachigen Gruppen eher gering. Bleiben als breite Massenkommunikationsmedien die Webforen und Webboards.

Ein Webboard (im folgenden Forum genannt, obgleich mir der Unterschied bewusst ist) wird von einem Administrator, häufig der Domaineigentümer, eingerichtet. Dabei gibt er bestimmte Kategorien vor, und setzt Lese- und Schreibrechte neuer Benutzer für die Katagorien. Zusätzlich kann er einen oder mehrerer Moderatoren bestimmen, die Diskussionen ggf. in andere Bahnen lenken und korrigierend eingreifen können. Wirklich interessant wird so ein leeres Forengerüst aber erst, wenn auch interessante Artikel fortlaufend erscheinen. Um diese Artikel zu bekommen, muss der Administrator eine bereits bestehende Gruppe von Leuten motivieren, ihre Artikel zu verfassen, oder selbst Hand anlegen. Diese Gruppe wird der Administrator zu großen Teilen über die elektronischen Medien kontaktieren und gewinnen. Das Interesse an dem Forum wird nur solange anhalten, wie auch interessante Menschen in der Gruppe der Teilnehmer und interessante Artikel vorhanden sind. Wenn die Gruppe ihr Thema für wichtig hält, wird sie Werbung für ihre Sache machen, und andere zur Teilnahme bewegen können.

Dies war ein Beispiel für einen “egozentrischen Ereignishorizont”. Ausgehend von einer Person, aufgrund besonderer Begabung (z.B. technische Fähigkeit) oder eines interessanten (z.B. im Gegensatz zu einer allgemeinen Sichtweise) Artikels wird ein kleine Gruppe gebildet (z.B. durch persönliche Einladung zur Teilnahme an einer Diskussion), die wiederum weitere Teilnehmer anzieht und für viele weiteres interessantes Lesematerial sorgt.

Hierarchien in Gruppen
Am Beispiel des Forums lässt sich gut beschreiben, warum Menschen in einer prinzipiell sich selbst bildenden Gruppe nicht gleichberechtigt sind. Zum einen gibt es den Verantwortungsträger (hier: Domaineigner), der zunächst als einziger direkt haftbar für Inhalte ist. Dieser steht zumindest technisch und rechtlich gesehen über den anderen Gruppenmitgliedern, und muss seine Weisungsbefugnis bewahren, um Schaden von sich selbst durch andere Meinungsäußerungen (hier: Artikel) abwenden zu können. Moderatoren genießen eine dem Verantwortungsträger untergeordnete Stellung, handeln aber in dessen Sinn, was sich zum einen auf die Beziehung zum Verantwortungsträger, zum andern aber auch in der Beziehung zu den restlichen Gruppenmitgliedern auswirkt.

Um jedoch vom Beispiel der Forengruppen ein wenig abzukommen, kann auch das Beispiel des Vereins herangezogen werden. Verordnungen schreiben vor, daß ein Verein nach erfolgter Gründungssitzung aus mindestens 7 Personen bestehen muss. Doch wie kommt es zu einer solchen Vereinsgründung? Mindestens eine Person muss wie auch bei der Forengründung ein Interesse an einem Thema haben, und den Willen dieses Interesse auch bei anderen zu wecken. Diese eine Person wird sich an zwei, drei Interresenden wenden, und sie versuchen von seinem Vorhaben zu überzeugen. Von den dann überzeugten muss jetzt jeder nur noch eine weitere Person finden, um die Mindestzahl an Gründungsmitgliedern beisammen zu haben. Ein weiterer egozentirscher Ereignishorizont ist entstanden. Auch in einem Verein gibt es dann wieder Verantwortungsträger, Moderatoren (hier: Ausschüße) und Teilnehmer, mit klar abgegrenzten Entscheidungsbefugnissen und Hierarchien.

Fazit
Die Annahme, Gruppen würden sich gleichberechtigt ganz von selbst bilden, also dadurch, daß mehrere Personen gleichzeitig aufeinander zugehen, um ein Ziel zu verfolgen, scheint in der Praxis nicht vorzukommen. Viel mehr werden Gruppen durch Einzelpersonen, mit besonderen Befähigungen (z.B. technischer, juristischer oder charismatischer Art), dadurch gebildet, daß diese Einzelperson ein paar wenige zu begeistern vermag, und die Begeisterten in einer Kettenreaktion immer mehr Personen zur Gruppe anziehen. Man kann also bei dieser Person von einem egozentrischen Ereignishorizont sprechen. Basierend auf den eigenen Wünschen kann so eine Person Gruppen begeistern, und für ein Ziel gewinnen. Dieses Ziel wird höchst wahrscheinlich allen in der Gruppe zugute kommen, und sich von der auslösenden Person abstrahieren lassen. Es ist also keine Art Ein-Mann-Faschismus oder eine ähnliche Vergötterung einer Person, sondern dient der gesamten Interessensgruppe.

Welche Impulse kann man jetzt aus dem Geschriebenen für sich mitnehmen? Persönliche Interessen müssen nicht immer getrennt von der übrigen Gesellschaft betrachtet werden, sondern können Auslöser für weitertragende Ereignisse sein. Der Autausch mit Gleichgesinnten kann fruchtbar für die Bildung neuer gesellschaftlicher Gruppen sein. Eigene Ziele können auch Ziele anderer sein, und mit anderen als Multiplikatoren viel leichter zu erreichen sein.

Wird fortgesetzt…

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