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Juli 20, 2005

Postmodernismus

Abgelegt unter: Gesellschaft — Daniel Schrader @ 10:51

Postmodernismus

Mary Klages

Aus dem Englischen von Rainer Ebert

Postmodernismus ist ein komplexer Terminus, oder eine Reihe von Ideen, welcher sich erst Mitte der 1980er Jahre als Bereich akademischen Interesses herauszubilden begann. Postmodernismus ist schwer zu definieren, da es sich um ein Konzept handelt, welches in einem weiten Feld von Disziplinen oder Forschungsgebieten auftaucht, unter anderem in Kunst, Architektur, Musik, Film, Literatur, Soziologie, Kommunikationswissenschaften, Mode und Technik. Es ist nicht einfach, den Begriff zeitlich oder historisch einzuordnen, da der Beginn der Postmoderne nicht eindeutig ausgemacht werden kann.

Vielleicht ist es am einfachsten, sich dem Postmodernismus gedanklich zu nähern, indem man über den Modernismus, von welchem der Postmodernismus auszugehen oder zu entwachsen scheint, nachdenkt. Der Modernismus hat zwei Facetten oder zwei richtungsweisende Definitionen, die beide relevant für das Verständnis des Postmodernismus sind.

Die erste Facette oder Definition des Modernismus entstammt der ästhetischen Strömung, welche allgemein als „Modernismus“ bezeichnet wird. Diese Strömung geht nahe einher mit den westlichen Ansichten über Kunst des zwanzigsten Jahrhunderts (es tauchen jedoch auch schon im 19. Jahrhundert vereinzelt Spuren des Modernismus auf). Wie Sie wahrscheinlich wissen, ist Modernismus diejenige Strömung in den bildenden Künsten, der Musik, der Literatur und im Drama, welche die alten viktorianischen Vorstellungen darüber, wie Kunst geschaffen und verstanden werden soll und was sie bedeuten soll, ablehnt. In der Zeit des „Hochmodernismus“, so ungefähr zwischen 1910 und 1930, haben die bedeutendsten Gestalten in radikaler Weise dazu beigetragen, neu zu definieren, was Dichtung und Romanliteratur sein und leisten kann: Gestalten wie Woolf, Joyce, Eliot, Pound, Stevens, Proust, Mallarme, Kafka und Rilke werden als Begründer des Modernismus im 20. Jahrhundert angesehen.

Von einem literarischen Standpunkt aus betrachtet sind die Hauptcharakteristika des Modernismus:

1. eine Betonung des Impressionismus und der Subjektivität in der Literatur (und auch in den bildenden Künsten); eine Betonung eher darauf, wie Sehen (oder Lesen oder Wahrnehmung) stattfindet als darauf, was wahrgenommen wird. Ein Beispiel hierfür wäre der „stream-of-consciousness“ (Bezeichnung einer Erzähltechnik, die Gedanken und Bewusstseinsvorgänge der Hauptfiguren wiedergibt, die spontan-assoziativ und in ungeordneter Form ablaufen und nicht in einem direkten Bezug zur äußeren Handlung stehen müssen).

2. eine Bewegung weg von der scheinbaren Objektivität gegeben durch einen allwissenden Erzähler in der dritten Person, weg von einer festgelegten Erzählperspektive und weg von klaren moralischen Positionen. Faulkners perspektivenvielfältige Erzählungen sind ein Beispiel für diesen Aspekt des Modernismus.

3. eine Verwischung der Grenzen zwischen den literarischen Gattungen, so dass Dichtung dokumentarischer (wie bei T. S. Eliot oder E. E. Cummings) und Prosa poetischer (wie bei Woolf oder Joyce) erscheint.

4. eine Betonung von bruchstückhaften Formen, unterbrochenen Handlungssträngen und zufällig scheinenden Zusammenstellungen von verschiedenen Materialien.

5. eine Tendenz in Richtung Reflexivität in Bezug auf die Erschaffung des Kunstwerks. Ein Kunstwerk sollte in einer solchen Weise erschaffen werden, dass jeder Teil die Beachtung seiner Stellung als etwas bewusst Geschaffenes, als etwas Konstruiertes und in seiner ihm eigenen Weise Konsumiertes geradezu verlangt.

6. eine Ablehnung von komplizierter förmlicher Ästhetik zugunsten von minimalistischem Design (wie z.B. in den Dichtungen von William Carlos Williams) und eine Ablehnung von formalen ästhetischen Theorien zugunsten der Spontaneität und der Entdeckung im Schaffen.

7. eine Ablehnung der Unterscheidung zwischen „hoher Kunst“ (für privilegierte Klassen) und „niedriger Kunst“ oder populärer Kultur (für die Massen) anhand der Auswahl des Ausgangsmaterials oder anhand der Methoden, Kunst darzustellen, zu vertreiben und zu konsumieren.

Der Postmodernismus folgt wie der Modernismus den meisten dieser Grundgedanken – Aufheben der Grenzen zwischen hohen und niedrigen Formen der Kunst, Verwischen der starren Trennlinien zwischen den Kunstgattungen, Hervorheben der Nachahmung, der Parodie, des Künstlichen, der Ironie und des Spielerischen. Postmoderne Kunst (und postmodernes Denken) setzt bevorzugt auf Reflexivität und Selbstbewusstsein, Fragmentierung und Unstetigkeit (besonders in erzählerischen Strukturen), Mehrdeutigkeit, Gleichzeitigkeit und auf eine Betonung des unstrukturierten, dezentrierten und entseelten Subjekts.

Aber: Während der Postmodernismus in dieser Hinsicht dem Modernismus sehr ähnlich zu sein scheint, unterscheidet er sich vom Modernismus in der Bewertung vieler dieser Charakteristika. Zum Beispiel tendiert der Modernismus dazu, ein fragmentiertes Bild der menschlichen Subjektivität und der Geschichte zu zeigen (man denke zum Beispiel an „The Wasteland“ von T.S. Eliot oder an Woolfs „To The Lighthouse“), aber dann diese Fragmentierung als etwas Tragisches, als etwas, das beklagt und als Verlust betrauert werden muss, darzustellen. Viele modernistische Arbeiten versuchen, die Idee aufrecht zu erhalten, dass Kunstwerke Einheit, Kohärenz und Sinn stiften können, welche im modernen Leben weitgehend verloren gegangen sind; die Kunst wird schaffen, was andere menschliche Institutionen nicht schaffen. Im Kontrast dazu beklagt der Postmodernismus nicht die Idee der Fragmentierung, der Vorläufigkeit oder der Inkohärenz, sondern feiert diese vielmehr. Die Welt ist bedeutungslos? Dann lasst uns nicht annehmen, dass die Kunst irgendeinen Sinn erzeugen kann, sondern lasst uns eben mit Unsinn spielen.

Betrachtet man die Beziehung zwischen dem Modernismus und dem Postmodernismus unter einem anderen Blickwinkel, kommen deren Unterschiede noch genauer zum Vorschein. Nach Frederic Jameson sind der Modernismus und der Postmodernismus kulturelle Strukturen, welche bestimmte Stadien des Kapitalismus begleiten. Jameson skizziert drei Hauptphasen des Kapitalismus, welche bestimmte kulturelle Praktiken unvermeidlich hervorrufen (unter anderem, welche Art der Kunst und Literatur entsteht). Die erste Phase ist die des Marktkapitalismus, welche vom 18. Jahrhundert bis in das späte 19. Jahrhundert in Westeuropa, England und den Vereinigten Staaten (und in deren Einflussbereichen) auftrat. Diese erste Phase ist verbunden mit bestimmten technologischen Entwicklungen, namentlich dem Dampfmotor und einer bestimmten Art der Ästhetik, nämlich dem Realismus. Die zweite Phase trat vom späten 19. Jahrhundert bis in das mittlere 20. Jahrhundert (ungefähr bis zum Zweiten Weltkrieg) in Erscheinung. Diese Phase, die Phase des Monopolkapitalismus, ist verbunden mit Elektro- und Verbrennungsmotoren und mit dem Modernismus. Die dritte Phase, in der wir uns derzeit befinden, ist die des multinationalen oder konsumorientierten Kapitalismus (mit einem Schwerpunkt auf Vermarktung und Verkauf von Konsumgütern und nicht auf die Produktion derselben), welcher einher geht mit nuklearen und elektronischen Technologien und mit dem Postmodernismus in Beziehung steht.

Wie Jamesons Charakterisierung des Postmodernismus auf die Arten der Produktion und der Technologien aufbaut, entstammt die zweite Facette oder Definition des Postmodernismus mehr aus Geschichte und Soziologie als aus Literatur und Kunstgeschichte. Diese Annäherung definiert den Postmodernismus als eine Bezeichnung für ein gesamtes Sozialgefüge beziehungsweise für eine Reihe von sozialen oder historischen Meinungen: genauer gesagt stellt dieser Annäherungsversuch die Begriffe „Postmoderne“ und „Moderne“ in Kontrast zueinander, weniger die Begriffe „Postmodernismus“ und „Modernismus“.

Was ist der Unterschied? Der Begriff „Modernismus“ bezieht sich im Allgemeinen auf die ausgedehnten ästhetischen Strömungen des 20. Jahrhunderts; der Begriff „Moderne“ bezieht sich auf eine Reihe von philosophischen, politischen und ethischen Ideen, welche die Basis für den ästhetischen Aspekt des Modernismus bereit stellen. Die „Moderne“ ist älter als der „Modernismus“; die Bezeichnung „modern“, welche erstmals in der Soziologie des 19. Jahrhunderts auftritt, war dafür bestimmt, die gegenwärtige Epoche von der vorherigen, welche man als „Antike“ bezeichnete, zu unterscheiden. Von jeher streiten sich die Gelehrten, wann genau die „moderne“ Epoche begann und wie man entscheidet, was modern ist und was nicht; wenn sich Historiker mit diesem Problem befassen, scheint die Epoche der Moderne jedes Mal noch ein wenig früher zu beginnen. Aber im Allgemeinen ist die „moderne“ Epoche verbunden mit der europäischen Aufklärung, welche ungefähr in der Mitte des 18. Jahrhundert beginnt. (Andere Historiker machen Elemente aufklärerischen Gedankenguts bereits bis zurück ins Zeitalter der Renaissance oder noch früher ausfindig und man könnte argumentieren, dass das aufklärerische Denken mit dem 18. Jahrhundert beginnt. Ich selbst benutze das Wort „modern“ normalerweise ab 1750, was vielleicht nur daran liegt, dass ich meinen Ph.D. durch ein Programm in Stanford, genannt „Modern Thought and Literature“ (Modernes Denken und moderne Literatur), erhalten habe und dieses Programm auf Arbeiten, die nach 1750 geschrieben wurden, ausgerichtet war.)

Die grundlegenden Ideen der Aufklärung sind im Großen und Ganzen dieselben wie die grundlegenden Ideen des Humanismus. Jane Flaxs Artikel gibt eine gute Zusammenfassung dieser Ideen oder Prämissen (auf Seite 41). Ich werde einige Dinge zu ihrer Liste ergänzen.

1. Es existiert ein stabiles, kohärentes und erkennbares Selbst. Dieses Selbst ist bewusst, rational, autonom und universell – körperliche Gegebenheiten und Unterschiede können die Wirkungsweise dieses Selbsts nicht wesentlich beeinflussen.

2. Dieses Selbst erlangt Wissen über sich selbst und die Welt durch den Verstand oder die Vernunft, postuliert als die höchsten Formen geistiger Funktionalität und die einzigen objektiven Formen.

3. Die Art von Wissen, welche vom objektiven und rationalen Selbst gewonnen wird, ist die der „Wissenschaft“, welche allgemein gültige Wahrheiten über die Welt bereitstellt, unabhängig vom individuellen Zustand des Wissenden.

4. Das Wissen, welches die Wissenschaft zutage fördert, ist „wahr“ und ewig gültig.

5. Das Wissen/die Wahrheit der Wissenschaft (welches durch das rationale und objektive Selbst gefunden wird) wird immer in Richtung Fortschritt und Perfektion führen. Alle menschlichen Institutionen und Praktiken können von der Wissenschaft (Vernunft, Objektivität) analysiert und verbessert werden.

6. Die Vernunft ist der aufrichtigste Richter bei der Frage danach, was wahr ist und somit was richtig und gut ist (was rechtmäßig ist und was ethisch ist). Freiheit besteht in Abhängigkeit von den Regeln, welche dem durch die Vernunft entdeckten Wissen entsprechen.

7. In einer von Vernunft regierten Welt wird die Wahrheit immer das gleiche sein wie das Gute und das Richtige (und das Schöne); es kann in dieser kein Konflikt zwischen dem, was wahr und dem, was richtig ist (und so weiter), auftreten.

8. Folglich stellt die Wissenschaft ein Paradigma dar für alle möglichen sozial bedeutsamen Formen des Wissens. Wissenschaft ist neutral und objektiv; Wissenschaftler, das sind die, die wissenschaftliches Wissen durch ihr unbefangenes rationales Leistungsvermögen hervorbringen, müssen frei sein, um den Regeln der Vernunft folgen zu können und sich nicht von anderen Dingen leiten lassen (wie z.B. Geld oder Macht).

9. Sprache oder irgend eine andere Kommunikationsform, welche für das Erlangen und Verbreiten von Wissen genutzt wird, muss ebenfalls rational sein. Um rational zu sein, muss Sprache transparent sein; sie muss einzig der Repräsentation der wirklichen, wahrnehmbaren Welt, welche der rationale Geist beobachtet, dienen. Es muss eine beständige und objektive Verbindung zwischen den Objekten der Wahrnehmung und den Wörtern, die sie bezeichnen, bestehen (zwischen Zeichen und Bezeichnetem).

Dies sind einige der grundlegenden Prämissen des Humanismus oder des Modernismus. Wie Sie wahrscheinlich bemerkt haben, sind sie dazu da, praktisch all unsere sozialen Strukturen und Institutionen, einschließlich der Demokratie, des Rechts, der Wissenschaft, der Ethik und der Ästhetik zu rechtfertigen und zu erklären.

In der Moderne geht es wesentlich um Ordnung: um Rationalität und Rationalisierung, darum, Ordnung ins Chaos zu bringen. Die dem zugrunde liegende Annahme ist, dass eine Zunahme an Rationalität zu einer Zunahme an Ordnung beiträgt und dass eine Gesellschaft umso besser funktionieren wird (umso rationaler funktionieren wird) je geordneter sie ist. Da die Moderne nach ständig ansteigenden Stufen der Ordnung strebt, sind moderne Gesellschaften stets auf der Hut vor allem und jedem welches als „Unordnung“ bezeichnet wird oder was die Ordnung gefährden könnte. Daher sind moderne Gesellschaften auf ein ständiges Schaffen eines zweiseitigen Gegensatzes, der „Ordnung“ und der „Unordnung“ angewiesen, damit sie die Überlegenheit der „Ordnung“ geltend machen können. Aber um dies tun zu können, müssen sie Dinge finden, welche die „Unordnung“ repräsentieren – folglich müssen sich moderne Gesellschaften fortwährend „Unordnung“ schaffen beziehungsweise konstruieren. Im westlichen Kulturkreis wird die Unordnung zu „dem Anderen“ – definiert in Bezug auf andere zweiseitige Gegensätze. Auf diese Weise wird jeder Nicht-Weiße, Nicht-Männliche, Nicht-Heterosexuelle, Nicht-Hygienische, Nicht-Rationale und so weiter ein Teil der „Unordnung“ und muss von der geordneten, rationalen modernen Gesellschaft beseitigt werden.

Die Methoden, wie moderne Gesellschaften die Kategorien „Ordnung“ und „Unordnung“ herausbilden, haben etwas mit der Anstrengung zu tun, Stabilität zu erreichen. Francois Lyotard (der Theoretiker, dessen Werke Sarup in seinem Artikel über Postmodernismus beschreibt) setzt diese Form der Stabilität mit der Idee der „Totalität“ oder einem totalitären System gleich (man denke an Derridas Idee von der „Totalität“ als der Ganzheit oder Vollständigkeit eines Systems). Totalität, Stabilität und Ordnung, argumentiert Lyotard, werden in modernen Gesellschaften aufrecht erhalten mittels „großer Erzählungen“ oder „Grunderzählungen“, welches Geschichten sind, die eine Kultur sich selbst über ihre Praktiken und Überzeugungen erzählt. Eine „große Erzählung“ in der amerikanischen Geschichte könnte die Geschichte sein, dass die Demokratie die aufgeklärteste (rationalste) Regierungsform ist und dass die Demokratie zu allgemeinem menschlichem Glück führen wird. Jedes Glaubenssystem und jede Ideologie hat nach Lyotard ihre großen Erzählungen; für den Marxismus, zum Beispiel, ist die „große Erzählung“ die Idee, dass der Kapitalismus in sich selbst zusammenstürzen und eine utopische sozialistische Welt sich entfalten wird. Man könnte sich die großen Erzählungen als eine Art Meta-Theorie oder Meta-Ideologie vorstellen, das heißt eine Ideologie welche eine Ideologie erklärt (wie beim Marxismus), eine Geschichte, welche erzählt wird, um das existierende Glaubenssystem zu erklären.

Lyotard argumentiert, dass alle Aspekte moderner Gesellschaften einschließlich der Wissenschaft als die grundlegende Form der Wissensbeschaffung von diesen großen Erzählungen abhängen. Postmodernismus ist dann die Kritik an den großen Erzählungen, die Erkenntnis, dass solche Erzählungen dazu dienen, die Widersprüche und Instabilitäten, welches jede soziale Einrichtung oder Praktik mit sich bringt, zu verbergen. In anderen Worten erfordert jeder Versuch, „Ordnung“ hervorzubringen, immer die Bildung der gleichen Menge an „Unordnung“, aber eine große Erzählung verschleiert den Konstruiertheitscharakter dieser Kategorien indem sie erklärt, dass „Unordnung“ wirklich chaotisch und schlecht ist und dass „Ordnung“ wirklich rational und gut ist. Der Postmodernismus lehnt die großen Erzählungen ab und bevorzugt „Mini-Erzählungen“, Geschichten, welche kleine Praktiken, lokale Ereignisse eher erklären als groß angelegte allgemeine oder globale Entwürfe. Postmoderne „Mini-Erzählungen“ sind immer situationsbezogen, provisorisch, kontingent und vorläufig und erheben keinen Anspruch auf Allgemeingültigkeit, Wahrheit, Vernünftigkeit oder Stabilität.

Ein anderer Aspekt des aufklärerischen Denkens – der letzte meiner neun Punkte – ist die Idee, dass Sprache transparent ist, dass Wörter nur als Repräsentanten von Gedanken oder Dingen dienen und darüber hinaus keinerlei Funktion besitzen. Moderne Gesellschaften bauen auf der Idee auf, dass Zeichen immer auf Bezeichnetes verweisen und dass die Wirklichkeit im Bezeichneten zu finden ist. Im Postmodernismus jedoch existieren nur Zeichen. Die Idee von irgendeiner beständigen oder dauerhaften Wirklichkeit verschwindet und mit ihr die Idee vom Bezeichneten auf welches das Zeichen verweist. Stattdessen existieren für postmoderne Gesellschaften nur Oberflächen ohne Tiefe; nur Zeichen ohne Bezeichnetes.

Eine andere Art, dies auszudrücken ist nach Jean Baudrillard die, dass es in postmodernen Gesellschaften keine Originale gibt, sondern nur Kopien oder was er „Simulacra“ nennt. Sie könnten z.B. an die Malerei oder die Bildhauerei denken, wo es ein Original gibt (beispielsweise von Van Gogh) und Tausende von Kopien existieren können, aber das Original das mit dem höchsten Wert ist (insbesondere das mit dem höchsten finanziellen Wert). Denken Sie im Gegensatz dazu an CDs oder Musikaufnahmen, bei welchen kein „Original“ existiert wie in der Malerei – es gibt keine Aufnahme, die an der Wand aufgehängt wird oder in einem Tresor aufbewahrt wird; stattdessen existieren lediglich Kopien, Millionen von Kopien, die alle identisch sind und alle für (ungefähr) den gleichen Preis verkauft werden. Eine andere Variante von Baudrillards „Simulacrum“ wäre das Konzept der virtuellen Realität, einer Realität, die durch Simulation erzeugt wurde und für welche kein Original existiert. Besonders offensichtlich ist dies in Computerspielen oder Computersimulationen – man denke an Sim City, Sim Ant usw.

Schließlich befasst sich der Postmodernismus noch mit Fragen, die die Einteilung des Wissens betreffen. In modernen Gesellschaften wurde Wissen mit dem der Wissenschaften gleichgesetzt und der Erzählung gegenübergestellt; wissenschaftliches Wissen war gutes Wissen und erzählerisches war schlecht, primitiv und irrational (und wurde deshalb mit Frauen, Kindern und primitiven und verrückten Menschen in Verbindung gebracht). Das Wissen war jedoch um seiner selbst willen gut. Man erwarb über die Ausbildung Wissen, um Allgemeinbildung zu erlangen, um ein gebildeter Mensch zu werden. Dies ist das Ideal der Liberal Arts Education (amerikanisches Bildungsideal, welches breit angelegtes, fachlich wenig ausgeprägtes Grundlagenwissen fördert). In einer postmodernen Gesellschaft wird Wissen hingegen anwendungsbezogen – man lernt Dinge nicht, um sie eben zu wissen, sondern um dieses Wissen anzuwenden. Wie Sarup herausstellt (vergleiche Seite 138), legt die heutige Bildungspolitik den Schwerpunkt auf praktische Fähigkeiten und praktische Ausbildung und weniger auf zweifelhafte humanistische Bildungsideale im Allgemeinen. Dies ist besonders bedeutsam für Studenten, die Englisch im Hauptfach belegt haben. „Was werden Sie tun mit Ihrem Hochschulabschluss?“

Wissen in postmodernen Gesellschaften ist nicht nur durch seine Nützlichkeit gekennzeichnet, sondern wird in postmodernen Gesellschaften auch anders verbreitet, gespeichert und angeordnet als in modernen Gesellschaften. Besonders das Aufkommen von elektronischen Rechnertechniken hat die Art und Weise, wie Wissen in unserer Gesellschaft gewonnen, verbreitet und genutzt wird, revolutioniert (in der Tat könnte jemand sagen, dass der Postmodernismus am besten beschrieben und in Beziehung gesetzt werden kann mit dem Aufkommen der Computertechnologie, beginnend in den 1960er Jahren, als die vorherrschende Kraft in allen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens). In postmodernen Gesellschaften wird alles, was nicht in eine für einen Computer erkennbare und speicherbare Form übersetzt werden kann - das heißt, alles, was nicht digitalisierbar ist -, nicht mehr als Wissen anerkannt. In diesem Paradigma ist das Gegenteil von „Wissen“ nicht „Ignoranz“ wie es im modernen beziehungsweise humanistischen Paradigma der Fall ist, sondern vielmehr „Rauschen“. Alles, was sich nicht als eine Form von Wissen bestimmen lässt, ist „Rauschen“, ist etwas, das nicht als irgendetwas innerhalb dieses Systems wahrgenommen werden kann.

Lyotard sagt (und Sarup wendet viel Zeit auf, dies zu erklären), dass die entscheidende Frage für postmoderne Gesellschaften die ist, wer entscheidet, was Wissen ist (und was „Rauschen“ ist) und wer weiß, was entschieden werden muss. Solche Entscheidungen über das Wissen beinhalten nicht die alten modernen beziehungsweise humanistischen Wertungen: zum Beispiel Wissen als Wahrheit (seine formale Qualität), als Tugend oder Gerechtigkeit (seine ethische Qualität) oder als das Schöne (seine ästhetische Qualität). Stattdessen, so argumentiert Lyotard, folgt Wissen vielmehr dem Paradigma des Sprachspiels, wie dies Wittgenstein darlegte. Ich werde nicht in die Details von Wittgensteins Ideen über Sprachspiele gehen: Sarup gibt eine ziemlich gute Erklärung über dieses Konzept in seinem Artikel, für die, die interessiert sind.

Es gibt noch viele Fragen, die über den Postmodernismus gestellt werden müssen und eine der wichtigsten ist die nach der entsprechenden Politik – oder, einfacher gefragt, ist diese Bewegung in Richtung Fragmentierung, Vorläufigkeit, Vorstellung und Instabilität etwas Gutes oder etwas Schlechtes? Darauf existieren die verschiedensten Antworten. In unserer heutigen Gesellschaft jedoch neigt man dazu, den Wunsch, in das prä-postmoderne Zeitalter (modernes, humanistisches, aufklärerisches Denken) zurückzukehren, mit konservativen politischen, religiösen und philosophischen Gruppen in Verbindung zu bringen. Tatsächlich scheint eine der Konsequenzen des Postmodernismus zu sein, dass der religiöse Fundamentalismus zunimmt, als eine Art Widerstand gegen das In-Frage-Stellen der „großen Erzählungen“ der religiösen Wahrheit. Dies wird vielleicht am deutlichsten (für uns in den Vereinigten Staaten sowieso) im muslimischen Fundamentalismus im Nahen Osten, welcher postmoderne Bücher verbietet – wie zum Beispiels Salman Rushdies The Satanic Verses -, da diese solche großen Erzählungen auseinandernehmen.

Diese Verbindung zwischen der Ablehnung des Postmodernismus und dem Konservatismus oder dem Fundamentalismus könnte teilweise erklären, warum das postmoderne Bekenntnis zur Fragmentisierung und zum Pluralismus die Liberalen und die Radikalen anzuziehen scheint. Zum Teil deswegen haben die Theoretiker des Feminismus den Postmodernismus so anziehend gefunden, wie Sarup, Flax und Butler alle herausstellen.

Auf einer anderen Ebene jedoch scheint der Postmodernismus Alternativen zum Einfügen in die globale Konsumkultur, wo Wirtschaftsgüter und Formen des Wissens von Gewalten weit entfernt von jeglicher individueller Kontrolle angeboten werden, bereitzustellen. Diese Alternativen betonen das Nachdenken über Handlungen (oder soziale Probleme), was notwendigerweise lokal, begrenzt und unvollständig ist – aber dennoch wirkungsvoll ist. Indem sie „große Erzählungen“ als unbrauchbar verwirft (wie die Befreiung der gesamten Arbeiterklasse) und sich auf spezifische lokale Ziele (wie zum Beispiel verbesserte Kindertagesstätten für arbeitende Mütter in Ihrer eigenen Gemeinde) konzentriert, stellt die postmoderne Politik eine Möglichkeit bereit, lokale Zustände als wechselhaft und unberechenbar und dennoch von globalen Trends beeinflusst zu begreifen. Infolgedessen könnte das Motto der postmodernen Politik „denke global, handle lokal“ lauten – und zerbreche dir nicht den Kopf über irgendwelche großen Modelle oder Gesamtkonzepte.

Der gesamte Text auf dieser Seite wurde verfasst und bleibt das Eigentum von Dr. Mary Klages, außerordentliche Professorin, Fachbereich Englisch, Universität von Colorado, Boulder. Sie können dieses Essay gerne zitieren oder einen Link auf Ihrer Seite mit korrekter Zuordnung zu diesem Artikel setzen. Für weitere Informationen rufen Sie folgende Adresse auf: http://lcweb2.loc.gov/ammem/ndlpedu/start/cite/index.html (Wie man elektronische Quellen zitiert, „Citing Electronic Sources“).

Der Artikel von Flax, auf den verwiesen wird, ist Jane Flax, „Postmodernism and Gender Relations in Feminist Theory“ in Linda J. Nicholson (Herausgeber), „Feminism/Postmodernism“, Routledge, 1990.

Der Artikel von Sarup, auf den verwiesen wird, ist das Kapitel 6, „Lyotard and Postmodernism“ in Madan Sarups „An Introductory Guide to Post-Structuralism and Postmodernism“, University of Georgia Press, 1993.

Letzte Überarbeitung: 21. April, 2003

Bemerkungen bitte per E-Mail an Professor Mary Klages: Mary.Klages@colorado.edu

Hervorhebungen der Verfasserin

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